Esse apparens

Die spätmittelalterliche Diskussion über die Ontologie des Sichtbaren


Was sehen wir, wenn wir rot sehen? Nicht nur die metaphorische, auch die physiologische, optische und epistemologische Seite dieser Frage gehört zu den Konstanten wissenschaftlicher Probleme. Gegenwärtig werden diese Teilprobleme in den je zuständigen Disziplinen verhandelt, ohne dass dabei eine Theorie in Sicht zu sein scheint, die disziplinäre Divergenzen einfangen kann. Was heute als Desiderat aufgefasst werden kann, war der Wissenschaft des Mittelalters eine Last.

Wilhelm von Ockham († 1347) entledigte sich dieser Last, als er im Rahmen seiner Wahrnehmungslehre von der actio in distans sprach. Nach Ockham wirken die Qualitäten der Aussenwelt auf unvermittelte Weise auf die Sinneswahrnehmung ein und konditionieren einen intuitiven Akt: Demnach sehe ich genau dann rot, wenn das Rote des Apfels auf meinen Gesichtssinn trifft.
Ockham wandte sich mit dieser Auffassung gegen alle diejenigen, die die actio in distans ausschlossen und behaupteten, dass ich nur dann rot sehe, wenn die Röte des Apfels bildlich vermittelt wird. Einer dieser Autoren war Petrus Aureoli († 1322), der eine Wahrnehmungs- und Erkenntnistheorie ausarbeitete, die diesen medialen Charakter betont. In seiner Theorie des esse apparens formt sich aus dem Wahrgenommenen, Imaginierten und Erkannten eine ontologische Wirklichkeit der Erscheinung. Wenn ich rot sehe, sehe ich in dieser ikonischen Epistemologie weder das Rote des Apfels, noch bilde ich eine Vorstellung von Rot. Aureolis Rot ist immer das erscheinende Rot, das sich als Bild zeigt.

In meinem Dissertationsprojekt untersuche ich die Funktion und Bedeutung des esse apparens. Es erweist sich als Bildbegriff, der seine Produktivität gerade an systematischen Orten entfaltet, an denen Relationen der Gleichheit und Differenz ins Verhältnis gesetzt (insb. Trinitäts- und Sakremententheorie) und zur ikonischen Grundlage jedes Begriffs werden.