Daniel Arpagaus

Anfänglich war es die Beschäftigung mit der Hieroglyphika des Horapollo, die mich ins weite Feld ptolemäischer Tempeltexte führte, ein Gebiet, das nur schon gemessen an den Laufmetern der publizierten Foliobände und den vielen Kilometern Hieroglyphentext, die sie enthalten, eher einer uferlosen See denn einem Textkorpus ähnelt. In diesem Meer an Text soll es mir um das Mehr im Text gehen, um Schreibungen, die den faszinierten Leserblick (W. Benjamin) provozieren und von da aus ins Gehölz mehrschichtiger Sinne locken (L. D. Morenz), um Schreibungen, die jenseits der rein unsinnlichen Begriffs-Denotation zusätzlich mit Weltwissen (J. Assmann) angereichert sind.
Diese Tempeltexte kommen dem am nächsten, was im Gefolge von Horapollos Hieroglyphika als Phantasmagorie durch die europäische Renaissance und bis in die heutige Zeit geistert, die Vorstellung von einer ägyptischen Bilder- und Ideen-Schrift, einer universellen Schrift von nicht-phonetischem Typ (J. Derrida). Derridas De la grammatologie kann somit gelesen werden als eine durchaus in die Zukunft gerichtete Vision von einer abendländischen Schriftrevolution, mit der die Zeichen von den Fesseln gelöst würden, blosser phonetischer Code zu sein. Für die bei der Lektüre relevanten Zeitdimensionen ergäbe sich gleichfalls ein radikaler Bruch: Während der in Alphabetschriften dominierende phonetische Zeichentypus ein an der gesprochenen Sprache orientiertes linearistisches Zeitkonzept nahelegt, bringt ein nicht-phonetischer Schrifttypus den Übergang zu einer de-linearisierten Zeitlichkeit. Genau hierfür mögen viele der ptolemäischen Schreibungen als paradigmatische Beispiele dienen, denn bei ihnen hängen die Leseanweisungen massgeblich auch von der investierten Zeit ab und von der Neugier auf das bild-schriftlich kodierte enzyklopädische Wissen der zu jenem Zeitpunkt schon fast 3000 Jahre alten ägyptischen Kultur.
Studium an der Universität Basel in Ägyptologie, Vorderorientalischer Archäologie und Neuerer deutscher Literaturwissenschaft, Abschluss 2007 mit einer Lizentiatsarbeit zum Thema "Ein Kommentar zur Hieroglyphika des Horapollo". Seit Anfang 2009 am NFS Bildkritik im Graduiertenkolleg "Zeit und Bild" tätig.

Daniel Arpagaus
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